1. Mai 2019 – Mehr Gleichstellung, mehr zum Leben

1. Mai 2019 – Mehr Gleichstellung, mehr zum Leben Mehrere hundert Personen demonstrieren bei der Nationalen Kundgebung fuer Lohngleichheit und gegen Diskriminierung "#Enough 18", am Samstag, 22. September 2018, in Bern. Ueber vierzig Organisationen haben zu dieser Kundgebung aufgerufen. (KEYSTONE/Peter Schneider).

Heute am 1. Mai fordern wir Mehr zum Leben und mehr Gleichstellung – dank besseren Löhnen und besserem Lohnschutz, besserer Anerkennung der Care-Arbeit, sicheren Renten und einer Belastungsgrenze bei den Krankenkassenprämien

Die ökonomischen Ungleichheiten sind auch 2019 noch riesig. Zwischen den Lohnabhängigen und dem Kapital, aber auch zwischen den Geschlechtern.

Die Lohnschere ist in den vergangenen Jahren gewaltig aufgegangen. Die Abzockersaläre in den Chefetagen von Banken, Pharma und Versicherungen sind ein Skandal und noch immer sahnen sie Boni ab. Unverständlich wie letzte Woche die Aktionäre die 13-Millionen Abzocke von CS-Chef Thiam reingewaschen haben.

Und auch wenn eine Firma, wie eben die Stadler Rail, an die Börse geht, dann kassiert die Führungscrew zusätzlich mit.

Eine Schande.

Die Menschen mit den normalen Löhnen, die tagtäglich ihre Büez verrichten, bleiben auf der Strecke.

Dies wollen wir ändern: Wir fordern, dass den Menschen mehr zum Leben bleibt.

Dafür müssen die Löhne rauf und die Belastungen, etwa die durch die Krankenkassenprämien, runter. Wir fordern die Rückverteilung der Gewinne zugunsten aller. «Dene wo’s gut geit giengs besser, giengs dene besser, wo’s weniger guet geit.»

Denn wir alle wissen: Eine Gesellschaft ist nur so stark, wie es ihren schwächsten Mitgliedern geht.

Wir fordern internationale Solidarität. Die reiche Schweiz muss ihren Beitrag leisten. In der Entwicklungszusammenarbeit, in der Steuerpolitik und nicht zuletzt beim Klimaschutz. Mit starken flankierenden Massnahmen und einem guten Lohnschutz zeigen wir auch innerhalb Europa’s, wohin der Weg gehen muss. Wir kämpfen weiter für den Schutz unserer Löhne und einen starken Service Public.

Wir fordern sichere AHV-Renten und bekämpfen jegliche Form das Rentenalter zu erhöhen. Die AHV-Finanzierungs- und Steuervorlage bringt der AHV 2 Milliarden jährliche Einnahmen, die absolut notwendig sind. Ohne diese Zusatzfinanzierung werden wir sonst rasch mit Forderungen nach einer Kürzung der Renten und einer Erhöhung des Rentenalters konfrontiert sein.  Darum unterstütze ich diesen Kompromiss. Denn mit sicheren AHV Finanzen können wir gestärkt in die nächste Reform gehen. Wir wollen die AHV auszubauen. Die Renten in der 2. Säulen sind massiv gesunken, um dies zu kompensieren, müssen und wollen wir unsere 1. Säule stärken.

Wir fordern mehr Gleichstellung. Die ökonomische Ungleichbehandlung der Frauen ist stossend: Die letzte Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik von 2016 zeichnet bezüglich Lohngleichheit ein trauriges Bild: Durchschnittlich monatlich 1455 Franken oder 18,3 Prozent verdienen Frauen für die gleiche Arbeit weniger als ihre Kollegen. Das Erwerbseinkommen der Frauen ist um 108 Milliarden tiefer als dasjenige der Männer. Und wir Frauen leisten zwei Drittel der unbezahlten Carearbeit im Umfang von unglaublichen 400 Milliarden Franken! Das ist nicht akzeptierbar und muss sich endlich ändern.

Wir fordern, dass die Lohngleichheit endlich umgesetzt wird. Die Löhne in den typischen Frauenberufen müssen erhöht und die oftmals prekären Arbeitsbedingungen verbessert werden. Care-Arbeit muss sichtbar gemacht und endlich abgegolten werden.

Es genügt nicht, dass letztes Jahr im Parlament nach Würgen und Drängen ein Minigesetz verabschiedet wurde, das lediglich in den grössten Unternehmen eine Lohnüberprüfung vorsieht. Mehr noch: Das Parlament konnte sich nicht einmal zu echten Konsequenzen bei Nichteinhaltung durchringen! Das reicht uns nicht. Denn auch 38 Jahre, nachdem gleiche Rechte für Frau und Mann in der Verfassung verankert worden sind, sind die Probleme immer noch gravierend.

Die Diskriminierung liegt auch in den Branchenlöhnen und der Geringschätzung von Tätigkeiten, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. Zudem: Frauen werden systematisch weniger bei der Weiterbildung gefördert, weniger oft befördert, erhalten weniger oft Leistungsprämien. Diese Diskriminierung hat System: Teilzeitarbeit und Mutterschaft sind zwei der Ursachen. Diese Diskriminierung akzeptieren wir nicht länger.

Das Lohnbuch 2019 zeigt die krassen Unterschiede – schon bei den Einstiegslöhne deutlich auf: Ein Credit- und Riskmanager verdient 8769 Franken. Ein Chief Financial Officer gar 14’000 Franken monatlich.  Auch ein Treuhänder kommt auf 6500 Franken pro Monat

Und die Frauen ? Ihre Einstiegslöhne massiv tiefer. Eine Dentalassistentin muss sich mit mickrigen 3700 Franken durchschlagen, eine Coiffeurin verdient gerade mal 3800 Franken, auch eine Drogistin kommt mit 3900 Franken kaum über die Runden. Dass Pflegefachfrauen HF nach 5-jähriger Ausbildung gerade mal knapp 5600 Franken verdienen- gleichviel wie ein*e Polizist*in – wurde auch nur dank erfolgreichen Lohnklagen möglich.

Doch, warum eigentlich ist die Arbeit mit Kapital in der Finanzbranche so viel besser bezahlt als diejenige, bei der es um die Sorge, um Menschen geht?

Solange ist es so ist, müssen die Gewinne aus der Finanzwelt und der Digitalisierung umverteilt werden in die Sorgearbeit und generell in die schlechter bezahlten Berufe.

Die bezahlte Care-Arbeit braucht bessere Bedingungen. Wir fordern gemeinsam mit den Gewerkschaften flächendeckende Gesamtarbeitsverträge, die gute Arbeitsbedingungen und höhere Löhne sichern. Damit nicht noch mehr Frauen und auch Männer Arbeit auf Abruf leisten müssen, oder unbezahlte Überstunden und das alles für einen mickrigen Lohn.

Wenn auf Grund von unbezahlter Sorgearbeit Lücken in der beruflichen Vorsorge entstehen, dann müssen diese genauso finanziert und ausgeglichen werden wie in der AHV. Denn dank den Betreuungsgutschriften in der AHV, sind die AHV-Renten der Frauen annähernd gleich hoch wie diejenigen der Männer. In der 2. Säule ist die Rentendiskriminierung der Frauen aber krass – da sind die Frauenrenten durchschnittlich 60% tiefer.

Wir werden gemeinsam für Verbesserungen kämpfen: heute und am 14. Juni, dem Frauenstreiktag 2019.

Frauen und Männer, profitieren von besseren Frauenlöhnen, von einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie und von bezahlbaren Krippenplätzen.

Liebe Anwesende, echte Gleichstellung ist erst möglich, wenn die ökonomische Ungleichheit beseitigt ist.

Wir fordern eine Familienpolitik, die diesen Namen verdient:

Wir fordern eine bezahlte Elternzeit von mindestens einem halben Jahr. Wir fordern eine bezahlte, mehrmonatige Pflegezeit, um kranke Menschen, die uns Nahe stehen, pflegen oder betreuen zu können. Pflegezeit, die Frauen und Männer beziehen sollen. Männer müssen sich endlich auch an der Sorgearbeit beteiligen.

Wir fordern bezahlbare Krankenkassenprämien.

Damit den Menschen mehr zum Leben bleibt, müssen nicht nur die Löhne rauf, sondern auch die Krankenkassenprämien runter.

Heute geben gewissen Haushalte bis zu einem Fünftel ihres Budgets für die Krankenkassenprämien aus. Die unsozialen Kopfprämien sind für alle gleich hoch. Darum trifft sie die Kassierin mit kleinem Budget viel stärker, als den CEO mit Millionensalär – eine schreiende Ungerechtigkeit! Selbstverständlich müssen wir den Kostentreibern im Gesundheitswesen begegnen und die Abzocker im System stoppen. Aber anstatt mit unseren Prämien und Steuergeldern die Gewinne von Novartis und Co. zu finanzieren, müssen sie dazu verwendet werden, um die Prämienverbilligungen zu erhöhen und so die finanziell schlechter gestellten, zu entlasten. Mit der Volksinitiative „für bezahlbare Prämien“ kämpfen wir genau dafür, dass maximal 10 Prozent des Haushalt-Budgets für Krankenkassenprämien bezahlt werden müssen.

Sie werden behaupten, dass das alles sei nicht finanzierbar. Das ist eine Lüge.

Unsere Forderungen sind finanzierbar: Die Banken, die Pharmariesen und die Versicherungen schütten Milliarden an ihre Aktionäre aus und zahlen ihren Chefs unverschämte Abzockerlöhne.

Diese Gewinne werden durch unsere Löhne, unsere Krankenkassenprämien und unsere Steuergelder finanziert. Diese Gewinne müssen allen zu Gute kommen. Hohe Löhne müssen gesenkt, Gewinne und Vermögen endlich anständig besteuert werden, endlich eine Erbschaftssteuer eingeführt werden.

Es ist eine Frage des politischen Willens dies zu ändern.  

Wir sind viele und wir wollen die Wirtschaft und die Politik verändern.

Dafür kämpfen wir gemeinsam: heute, am 14. Juni am Frauenstreik, an den Klimademos, bei den Wahlen im Herbst.

Unsere Welt muss gerechter und fairer werden. Damit alle mehr zu leben und auch eine Zukunft haben.

Ich wünsche uns allen noch einen kämpferischen und freudigen 1. Mai 2019

 

Die Rede wurde in Zürich und Chur gehalten.