«Die Fälle werden komplexer»

  • 26. Januar 2011
  • Artikel und Beiträge

 

Barbara Gysi, Stadträtin Wil«Die Fälle werden komplexer»

Stadträtin Barbara Gysi erlebte in ihrem Departement zwei erfolgreiche Jahre, in denen das Stadtparlament alle Anträge guthiess. Sorgen bereiten ihr die Zunahme an komplexen Fällen im Sozialbereich und die vermehrte Polarisierung in der Politik.

erschienen: Tagblatt, 26. Januar 2011, Silvan Meile

Frau Gysi, die Halbzeit der laufenden Legislatur ist um. Welches waren in den vergangenen zwei Jahren die Schwerpunkte Ihrer Tätigkeit?

Barbara Gysi: Einer der Schwerpunkte war die Reorganisation der sozialen Dienste. Für die drei Bereiche Vormundschaftsbehörde, Beratung und wirtschaftliche Hilfe sowie die Führung gesetzlicher Mandate ist mit den zentralen Diensten ein gemeinsames Sekretariat und Buchhaltung geschaffen worden. Bei den internen Abläufen haben Optimierungen stattgefunden. Alle Abläufe wurden überprüft und neu strukturiert. So ist beispielsweise für die Sozialhilfe zuerst ein Reglement und dann ein Handbuch ausgearbeitet worden. Auf der Basis der bestehenden Vorgaben der schweizerischen Konferenz für öffentliche Sozialhilfe und der kantonalen Ebene sind darin Einzelheiten für Wil angepasst und klarer definiert. Dadurch sind auch die Kompetenzen zum Teil neu geregelt worden. Weitere Schwerpunkte sind der Um- und Neubau vom Pflegeheim Wil hin zum Pflegezentrum Fürstenau, dessen Neubau im Frühling 2011 bezogen wird. Die Sanierung soll im Frühjahr 2012 abgeschlossen sein. Das laufende Projekt Kooperationen im Altersbereich, an dem fünf Gemeinden beteiligt sind, ist ein weiterer Schwerpunkt.

Wer nicht auf Unterstützung in sozialen Belangen angewiesen ist, erfährt über die sozialen Dienste der Stadt Wil eher wenig. Ist das bewusst so?

Gysi: Nachdem wir nun mit den angesprochenen Optimierungsprozessen grosse interne Anstrengungen unternommen haben, möchten wir in einem nächsten Schritt mit einem Tag der offenen Tür im April nach aussen treten und der Bevölkerung die sozialen Dienste näherbringen. Schliesslich zählen wir rund 1700 Personen respektive zehn Prozent der Wiler Bevölkerung zu unseren Klientinnen und Klienten.

Auf unsere Angebote sind im kantonalen Vergleich und jenem der umliegenden Gemeinden überdurchschnittlich viele Personen angewiesen. Mögliche Ursachen dafür sind unter anderem die Kantonale Psychiatrische Klinik auf dem Gemeindegebiet, eine im Durchschnitt höhere Arbeitslosenrate und die städtischen Strukturen.

Wie sieht die Entwicklung der zu unterstützenden Personen in der nahen Zukunft aus?

Gysi: Die Revision der Arbeitslosenversicherung, die per 1. April in Kraft tritt, werden wir auch in Wil auf verschiedenen Ebenen spüren. Wir rechnen dadurch mit bis zu 20 bis 30 neuen Fällen in der Sozialhilfe. Doch wir verzeichnen generell in den letzten Jahren einen permanenten Zuwachs an Personen, die Unterstützung benötigen. Deshalb waren wir schon lange darauf bedacht, unsere Abläufe zu optimieren und sind froh, dies erfolgreich getan zu haben. Es nehmen aber nicht nur die Anzahl der Fälle zu, sondern auch deren Komplexität, insbesondere auch im Vormundschaftswesen, die beispielsweise von Faktoren wie Suchtmittelabhängigkeit, finanzielle und psychische Probleme, aber auch Obhut von Kindern gleichzeitig geprägt sind.

Wie werden solche Fälle konkret bewältigt?

Gysi: Eine Massnahme ist, dass dafür ein Case Management aufgebaut werden soll, bei dem Wil im Rahmen eines Pilotprojekts mitwirkt. In Zusammenarbeit verschiedener Stellen der Stadt, Vereinen wie der Suchtberatung und privaten Institutionen werden gemeinsam mit den Klienten Ziele definiert und entschieden, welche Stelle was macht und wer in welchem Fall die Führung übernimmt und hauptsächlich Ansprechperson ist. Wichtig sind aber generell auch genügend Stellenprozente und gut ausgebildete Fachpersonen.

Welche Enttäuschungen mussten Sie als Vorsteherin des Departements Soziales, Jugend und Alter in der ersten Hälfte der Legislatur hinnehmen?

Gysi: Die letzten zwei Jahre waren politisch betrachtet für mich sehr erfreulich. Die Anträge sind alle vom Parlament gutgeheissen worden. So dürfen wir die Kinderbetreuung im Vorschulalter ausbauen, der Baubeitrag an den Ausbau der Pflegewohnung im Flurhof wurde genehmigt und der Zwischenbericht zu den Kooperationen im Altersbereich gutgeheissen. Die effektiven Erfolge und viel Erfreuliches sind aber oft auch im Kleinen spürbar. Das ist für mich auch die Motivation für meine Arbeit. Sorgen hingegen machen mir die Zunahme und die vielen komplexen Fälle sowie die zunehmende Polarisierung zwischen dem Stadtrat und dem Stadtparlament. Wir müssen daran arbeiten und der politischen Kultur Sorge tragen, statt Kämpfe auszutragen.

Wie fühlen Sie sich in Ihrem Departement?

Gysi: Soziales, Jugend und Alter weist ein breites Spektrum an spannenden Aufgaben auf. Ich lerne immer wieder viel dazu und finde es schön, das zu machen und erachte es als grossen Vorteil, als ausgebildete Sozialpädagogin über das Wissen aus dem Sachgebiet zu verfügen. Ich habe hier mit Menschen vom Kleinkind bis zu den Hochbetagten zu tun.

Welche grössere Aufgabe steht im Sozialbereich in Zukunft an?

Gysi: Vor allem die Umsetzung des Kinder- und Erwachsenenschutzrechts, das per 1. Januar 2013 eingeführt wird. Der Vormundschaftsbereich wird dadurch regionalisiert. Massnahmen werden künftig durch Fachbehörden angeordnet. Für die Gemeinden der Region wird es dafür eine zentrale Stelle im Kreis Wil geben. Aber auch die Fertigstellung des Bauprojekts im Pflegezentrum Fürstenau sowie die Zusammenführung des gesamten Altersbereichs im Projekt Kooperationen im Altersbereich gehören zu den wichtigen Themen für die nächsten zwei Jahre.

Sie sind seit zehn Jahren im Wiler Stadtrat und ausserdem als Fraktionspräsidentin der SP im Kantonsrat. Kürzlich wurde bekannt gegeben, dass Sie auch für den Nationalrat kandidieren.

Gysi: Ich politisiere gerne und habe immer auch etwas ausserhalb der Stadt Wil gemacht. Von den Vernetzungen aus dem Kantonsparlament profitiert beispielsweise auch die Stadt Wil. Mein 60-Prozent-Pensum als Stadträtin ermöglicht dies auch zeitlich. Der Nationalrat wäre eine interessante Aufgabe. Ich kandidiere dafür bereits zum dritten Mal. Doch realistischerweise muss man in Betracht ziehen, dass die SP St. Gallen zwei Sitze beansprucht und mit zwei bisherigen Kandidaten antritt. Mir ist es ein grosses Anliegen, die Sozialen Kräfte zu stärken.